TOBIAS MORETTI

TOBIAS MORETTI

Interview Michael Sturminger, Jedermann" Regisseur

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In diesem Ausnahmesommer wird es ein heiterer "Jedermann"

Das Sterben des reichen Mannes: Der "Jedermann" konfrontiert uns mit unserer Sorglosigkeit. Das Stück ist deshalb aktueller denn je, sagt Regisseur Michael Sturminger im SN-Gespräch.Nicht an, sondern trotz Corona soll der Jedermann auch im 100. Jahr auf dem Domplatz sterben. Seit 2017 inszeniert Michael Sturminger das Stück Hugo von Hofmannsthals in Salzburg. Dieses Jahr will der österreichische Regisseur dem "Jedermann" eine heitere Note geben. Und er kündigt an: Wir werden mit Caroline Peters eine völlig neue Buhlschaft sehen.

SN:Lang war nicht klar, ob und in welcher Form heuer Festspiele stattfinden können. Haben Sie immer an die Durchführung geglaubt?

Michael Sturminger: Sagen wir, ich habe mich sehr darum bemüht. Auch für die Sommerspiele Perchtoldsdorf, bei denen ich Intendant bin, habe ich vehement mitgekämpft, dass sie stattfinden können. Eine Zeitlang hat es schlecht ausgeschaut. Dass jetzt die Zahlen (der Neuinfektionen, Anm.) wieder nach oben gehen, besorgt natürlich alle. Gleichzeitig können wir unsere Gesellschaft nicht mehr so einsperren, wie wir müssten, um die Ausbreitung zu verhindern, weil wir uns das wirtschaftlich gar nicht leisten könnten. Es ist eine schwierige Zeit, umso mehr finde ich es wichtig und toll, dass die Salzburger Festspiele sich das trauen. Hier wird vernünftig und verantwortungs-voll gearbeitet, sodass die, die beteiligt sind, Arbeit haben. Und die Leute, die es nicht mehr aushalten, in Computerkastel zu schauen, haben wieder die Chance, Kunst zu erleben. Das ist ein fundamental wichtiges Erlebnis.

SN: Hofmannsthal wollte mit "Jedermann" ein Stück schaffen, in dem die Gegenwart in der Vergangenheit sichtbar wird. Was wird der diesjährige "Jedermann" über das Heute zeigen?

Ich bin nicht sicher, ob dieser Jedermann über das Leben in der Pandemie sprechen wird. Da würde man dem Stück keinen guten Dienst erweisen. Jedermann lebt völlig sorglos und ist sich der ständigen Gefahr des Todes nicht bewusst. Wir sind uns unserer Sterblichkeit nun viel bewusster als in den vergangenen Jahren. Das Stück beschreibt die Zeit, bevor sich der Tod breitmacht. Es wird also eher eine Parabel für die Zeit davor, in der wir den Tod, so gut es ging, aus unserem Leben verdrängt haben. Aber deswegen ist das Stück auch wieder so interessant. Es hat jetzt eine große Relevanz, und ich glaube, das Publikum wird andere Dinge darin lesen.

SN: Was werden wir lesen?

Wir werden unsere Sorglosigkeit der vergangenen Jahre und Jahrzehnte anders sehen. Die Pandemie zeigt, wie leicht wir zu erschüttern sind und wie die Sicherheit, die wir für so verlässlich gehalten haben, in kürzester Zeit dahin ist. Jetzt erleben wir, wie fragil unser gesellschaftliches Zusammenleben ist. Es wird eine Zeit kommen, in der Verantwortung für andere eine größere Rolle spielen wird. Davor hat man gedacht, man muss nur sein eigenes, persönliches Glück vorantreiben. Aber es gibt auch ein allgemeines, und das meldet sich wieder.

SN: Spielt der Glaube dabei auch eine Rolle?

Ich weiß nicht, ob es der religiöse Glaube sein muss, aber eine gewisse Ernsthaftigkeit und die Bereitschaft, sich seiner Verantwortlichkeit - nicht nur dem engsten, persönlichen Kreis, sondern der Welt gegenüber - bewusst zu werden. Das ist ja auch etwas, das der Glaube vertritt. Es muss nicht unbedingt in Religiosität führen, aber das pur Diesseitige und Egoistische wird sehr bald infrage gestellt sein.

SN: Sind sonst Adaptierungen geplant?
Es war lang unklar, ob, wie und wie lange wir spielen und proben können. Nun ist geplant, dass alle Vorstellungen stattfinden. Für die Inszenierung sind keine großen Änderungen angedacht, mit Ausnahme der Umbesetzung der Buhlschaft (mit Caroline Peters, Anm.). Mir ist wichtig, den Charakteren der Schauspielerinnen entgegenzukommen. Wir werden dieses Jahr eine völlig andere Buhlschaft sehen.

SN:Inwiefern? Was können Sie verraten?

Ich versuche immer, einen besonderen Auftritt für die Buhlschaft zu finden. Bei Stefanie Reinsperger haben wir uns mit einem riesigen Ballkleid, hinter dem sie im kleinen Schwarzen hervorgetreten ist, der Kleiderfrage genähert. Valery Tscheplanowa kann toll singen, daher haben wir sie mit einem Lied auftreten lassen. Caroline Peters ist eine hervorragende, selbstbewusste und komische Schauspielerin. Wir werden daher mit Humor arbeiten. Ich erwarte eine heitere Buhlschaft, auch deshalb, weil wir alle Aufheiterung brauchen.

SN: Also erwartet uns ein "Jedermann", der heiterer ist als sonst?

Wir werden ihm eine heitere Note geben. Es ist wichtig, dass wir im Theater die Gegenwart vergessen können - aber nicht auf eine oberflächlich-dumme Art, sondern so, dass wir in eine Geschichte voll eintauchen können. Die zweite Hälfte des Stücks lässt ohnehin keine Wahl, als zu fragen: Wie gehen wir damit um, wenn es zu Ende geht? Was bedeutet das Leben angesichts des Todes?Diese Fragen werden uns immer beschäftigen, daher kann das Stück ewig gespielt werden.

SN:Das Sterben des reichen Mannes ist zentrales Thema. Durch Corona erschien das Materielle weniger wichtig. Erleben wir eine Läuterung?

Das Einzige, das auf der Welt gerecht ist, ist, dass jeder sterben muss. Das ist auch das Thema im "Jedermann": Der Tod trifft jeden. Aber wir sehen in der Pandemie, dass die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergeht und diesen Umstand aushebelt. Das Virus trifft nicht alle gleich, sondern die Allerärmsten in viel höherem Ausmaß. Während der Pest im Mittelalter haben die Reichen die Städte verlassen, konnten sich aber trotzdem oft nicht retten. Auch jetzt können sich die Superreichen vor dem Virus verbarrikadieren. Ein Prozent der Menschheit verfügt über 50 Prozent des Besitzes, mit einer Umverteilung wäre es ein Leichtes, die Krise zu bewältigen. Wir können nur auf ein Umdenken hoffen, denn der Kapitalismus wird es nicht regeln.

SN: Vor 100 Jahren starteten die Festspiele unter widrigen Voraussetzungen. Welche Parallelen sehen Sie zwischen 1920 und 2020?

Der Kampf um die Durchführung der Festspiele war vergleichbar mit dem Gründungsimpuls in den Jahren 1918/19. Damals grassierte die Spanische Grippe in Wien und nach dem Ersten Weltkrieg wusste man nicht, was aus dem Rest Österreich werden soll. Somit war die Gründung der Salzburger Festspiele dieselbe Botschaft, die auch Präsidentin Helga Rabl-Stadler jetzt gegeben hat: Wir müssen spielen, trotz aller Widrigkeiten. Wir wollen uns auch jetzt den existenziellen Fragen, die in der Kunst zu verhandeln sind, widmen. Den Künstlern wurde nun ein halbes Jahr lang gesagt: Wenn es eng wird, brauchen wir euch nicht. Wir sehen die Festspiele als internationales Spitzenfestival, das ist es auch, aber viele vergessen, dass daran Menschen und Arbeitsplätze hängen. Es wäre unverantwortlich gewesen, vorschnell abzusagen. Ich habe viel Respekt vor der Herausforderung. Und wir werden auch Glück brauchen.

SN:Was ist für die Festaufführung am 22. August geplant?

In der Felsenreitschule war eine große Lesung mit mehr als 100 Darstellern geplant, die zum Teil über 70 Jahre alt sind. Das wäre heuer nicht möglich gewesen. Wir hoffen, dass wir das nächstes Jahr nachholen können. Es wird trotzdem ein denkwürdiger Tag bleiben, es wird aber davon abhängen, wie viel dann tatsächlich möglich ist. Vielleicht wird man im Freien das Festspielleben ein bisschen genießen können, aber wir werden das Risiko minimieren und einige lieb gewonnene Rituale heuer auslassen.

SN:Sie haben im SN-Interview im Jahr 2017 gesagt, mit dem Domplatz habe Max Reinhardt einen Mitspieler gefunden, der die Faszination ausmache. Ist die Hoffnung auf Schönwetter heuer besonders groß?

Der Domplatz ist fantastisch, je mehr wir draußen sein können, umso besser. Im Freien wird es eine Spur sorgloser sein, weil wir keine Gefahr eingehen. Wir hoffen natürlich auf gutes Wetter, sind aber gelassen - wenn es regnet, spielen wir drinnen.

SN:Von der Premiere 1920 heißt es, Max Reinhardt habe vor Rührung kaum sprechen können, der Erzbischof habe gar geweint. Wird es auch dieses Jahr emotional?

Ich glaube, dass es am Schluss besonders emotional sein wird, wenn man durchgekommen ist. Wenn alles gut gegangen ist, wird vielen ein Stein vom Herzen fallen. Es wird ein besonderes Jahr sein, und wir halten die Daumen, dass es gut läuft und dass es ein richtiger, vorsichtiger Schritt in eine weitere Normalisierung unseres Lebens ist.Schauspiel:

"Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal, Domplatz, 1. bis 26. August.

Quelle: https://www.sn.at/salzburger-festspiele/in-diesem-ausnahmesommer-wird-es-ein-heiterer-jedermann-90370432?fbclid=IwAR0K0Urjf8mi5TszzR9ALtVJFBsFXJPUftD-ji1YczzTV8LRvo_3_u-2yk4
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